Der Schutzengel: von der Bibel und den Kirchenvätern bis zum Phänomen des dritten Mannes
Der Glaube an einen unsichtbaren Beschützer, der den Menschen von der Geburt bis zum Tod begleitet, findet sich in nahezu jeder Kultur der Welt. Heute kehren seine Echos in den Berichten von Bergsteigern und Polarforschern wieder, die in Momenten tödlicher Gefahr die Anwesenheit von jemandem Unsichtbarem an ihrer Seite spürten.
Redaktion Ezostylia · Fakten in Quellen geprüft · aktualisiert 31.10.2026
Der Schutzengel in der Bibel und der jüdischen Tradition
Das Wort „Engel" stammt vom griechischen angelos, das „Bote" bedeutet. Im Alten Testament erscheinen Engel als Gesandte Gottes, die bestimmte Menschen beschützen. Psalm 91 sagt es klar: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen." Ein Engel begleitet auch Tobias auf seiner langen Reise und offenbart seine wahre Natur erst am Ende der Mission.
Die rabbinische Tradition hat dieses Thema zu einem detaillierten System ausgebaut. Demnach hat jeder Mensch nicht einen, sondern zwei Engel: einen guten und einen bösen. Der Sohar und andere kabbalistische Schriften beschreiben die Schutzengel als Wesen, die mit der Seele bereits vor der Geburt verbunden sind. Diese Überzeugung hat die jüdische Alltagsfrömmigkeit nachhaltig geprägt und ist bis heute in Gebeten vor dem Schlafengehen gegenwärtig.
Die Lehre der Kirche und die Kirchenväter
Origenes schrieb im 3. Jahrhundert als einer der Ersten systematisch über Schutzengel. Er behauptete, dass jede Seele im Augenblick ihrer Ankunft in der Welt einen Beschützer erhält. Basilius der Große und Johannes Chrysostomus entwickelten diesen Gedanken weiter, und Thomas von Aquin widmete den Schutzengeln in der „Summa theologica" eigene Artikel. Nach Thomas hat jeder Mensch, ohne Ausnahme, von Geburt an einen zugeordneten Engel.
Die katholische Kirche feiert das Fest der Schutzengel am 2. Oktober, das im Jahr 1670 von Papst Klemens X. allgemein eingeführt wurde. Die orthodoxen Kirchen haben eigene, ähnliche liturgische Traditionen. Die offizielle Lehre der Kirche lässt offen, ob der Engel den Menschen nach dem Tod verlässt oder ihn weiterhin als Seelenführer begleitet, was ihn zu einer Gestalt macht, die den Psychopompen anderer Religionen ähnelt.
Schutzengel im Islam und in anderen Traditionen
Der Islam kennt den Begriff kiraman katibin, also „edle Schreiber". Der Koran beschreibt zwei Engel bei jedem Menschen: einer zeichnet die guten, der andere die schlechten Taten auf. Die Hadith-Tradition erweitert diese Rolle auf den Schutz vor Dschinn und anderen schädlichen Kräften. Obwohl islamische Engel nicht mit dem christlichen Schutzengel identisch sind, erfüllen sie eine ähnliche Funktion als unsichtbare Zeugen und Beschützer.
Die alten Römer glaubten an den Genius, einen persönlichen Schutzgeist, der jeden Mann sein ganzes Leben lang begleitete. Die Griechen sprachen vom Daimon, wie Sokrates, der eine innere Stimme vernahm, die ihn von falschen Entscheidungen abhielt. Ähnliche Vorstellungen eines schützenden Begleitergeistes finden sich in den Traditionen der indigenen Völker Nordamerikas, wo er als „animal spirit" oder „guardian spirit" bezeichnet wird.
Das Phänomen des dritten Mannes: Wissenschaft und Berichte
Im Jahr 1914 beschrieb Ernest Shackleton in seinem Tagebuch, dass er während des dramatischen Marsches durch die Antarktis das unwiderstehliche Gefühl hatte, in der dreiköpfigen Gruppe sei eine vierte Person anwesend. Genau dasselbe Gefühl eines unbekannten Begleiters beschrieben später Frank Smythe am Everest, Reinhold Messner am K2 sowie zahlreiche Piloten, Schiffbrüchige und Alpinisten. Dieses Phänomen untersuchte der Forscher John Geiger in seinem 2009 erschienenen Buch „The Third Man Factor".
Wissenschaftler versuchen das Phänomen auf verschiedene Weisen zu erklären. Der Neurologe Olaf Blanke zeigte, dass die elektrische Stimulation eines bestimmten Bereichs der Hirnrinde das Gefühl einer unsichtbaren Anwesenheit auslöst. Andere Forscher verweisen auf extremen Stress, Schlafentzug, Hypoxie und Hunger als Faktoren, die Anwesenheitshalluzinationen hervorrufen. Keine dieser Hypothesen erklärt jedoch, warum der unsichtbare Begleiter fast immer hilft und rettet und niemals schadet.
Der dritte Mann und der Schutzengel: ein Vergleich von Tradition und Erfahrung
Viele derjenigen, die eine Begegnung mit dem „dritten Mann" erlebt hatten, zögerten nicht, ihn als Schutzengel zu bezeichnen. Reinhold Messner sprach von einem „Freund aus einer anderen Dimension". Shackleton schrieb diese Anwesenheit der Göttlichen Vorsehung zu. John Geiger stellte fest, dass die Berichte unabhängig von Kultur und Religionszugehörigkeit erstaunlich einheitlich sind: Der Unbekannte erscheint in einem Moment extremer Bedrohung, weist den Weg und verschwindet, sobald die Gefahr vorüber ist.
Aus der Perspektive der christlichen Theologie lassen sich solche Berichte leicht in die Rolle des Schutzengels als Beschützer in Momenten tödlicher Gefahr einordnen. Aus wissenschaftlicher Perspektive bleiben sie ein ungeklärtes psychologisches oder neurologisches Phänomen. Beide Deutungen schließen sich gegenseitig nicht aus, und beide Seiten räumen ein, dass eine endgültige Antwort bislang nicht existiert.
Der Schutzengel in Kultur und Alltagsleben
- Das Gebet zum Schutzengel: eines der beliebtesten katholischen Gebete, das Kindern als erstes nach dem „Vaterunser" beigebracht wird.
- Ikonografie: In der Kunst des westlichen Christentums wird der Schutzengel am häufigsten als geflügelte Gestalt dargestellt, die ein Kind über eine gefährliche Brücke führt.
- Namenstag und Patronat: In der katholischen Tradition ist der Schutzengel der Patron der Kinder, der Reisenden und der Soldaten.
- Neue Spiritualitäten: Zeitgenössische New-Age-Bewegungen haben die Gestalt des Schutzengels übernommen und verbinden sie häufig mit Wahrsagerei und Engeltherapie.
- Literatur und Film: Von Wim Wenders' „Der Himmel über Berlin" bis zu Frank Capras „Ist das Leben nicht schön?" ist der Schutzengel eine der am häufigsten wiederkehrenden Gestalten der Populärkultur.
Der Glaube an den Schutzengel besteht nicht deshalb fort, weil die Kirche ihn lehrt, sondern weil er einem zutiefst menschlichen Bedürfnis entspricht: dem Gefühl, nicht allein zu sein. Soziologische Studien aus westlichen Ländern zeigen, dass zwischen 55 und 75 Prozent der Befragten an Engel glauben, oft unabhängig von der erklärten Religionszugehörigkeit oder deren Fehlen.
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Quellen
Guardian angel, Wikipedia · Third Man factor, Wikipedia · Angelology, Wikipedia · Ernest Shackleton, Wikipedia
Häufige Fragen
Spricht die Bibel ausdrücklich von Schutzengeln, die jedem Menschen zugeordnet sind?
Die Bibel beschreibt Engel, die Menschen schützen, stellt jedoch nirgends ausdrücklich fest, dass jeder Mensch einen eigens zugeordneten Beschützer hat. Diese Überzeugung entwickelten die Kirchenväter, insbesondere Origenes, Basilius der Große und Thomas von Aquin, und machten sie zu einem Element der offiziellen Theologie.
Was genau ist der „dritte Mann" und erklärt die Wissenschaft ihn?
Es handelt sich um das Phänomen, in einer Situation extremer Bedrohung eine unsichtbare, wohlwollende Anwesenheit zu spüren, wie es von Alpinisten, Polarforschern und Schiffbrüchigen beschrieben wird. Die Wissenschaft verweist auf mögliche neurologische und psychologische Ursachen wie Hypoxie oder Schlafentzug, doch keine Hypothese ist allgemein anerkannt.
Kennen andere Religionen außer dem Christentum den Begriff des Schutzengels?
Ja. Der Islam beschreibt Schreiberengel bei jedem Menschen. Das Judentum kennt die Tradition schützender Engel aus talmudischen und kabbalistischen Schriften. Die alten Griechen sprachen vom Daimon, die Römer vom Genius, und viele indigene Kulturen glauben an spirituelle Beschützer in Gestalt von Tieren oder Vorfahren.