In Podlasie, in der Umgebung von Hajnówka, Bielsko Podlaskie und Orla, leben bis heute Weissagerinnen — Volksheilerinnen, deren Praxis aus der orthodoxen Religiosität und jahrhundertealten slawischen Traditionen hervorgeht. Die Szeptucha „verzaubert“ nicht: sie flüstert ein Gebet über den Kranken, zeichnet ein Kreuzzeichen und bedient sich einfacher Gaben der Natur. Ihr Bereich umfasst fünf Beschwerden: Angst, Fluch (böses Auge), Krankheiten, Wind (Auskühlung) und Nervenkrämpfe.
Bei den Ritualen der Szeptuch sind die wichtigsten: Bienenwachs (über dem Kopf in kaltes Wasser gegossen, um Angst „abzuleiten“), Lein (über einem Tuch verbrannt, um Krankheiten zu heilen), Asche aus dem Ofen, Schafswolle sowie geweihtes Wasser, Salz und Brot. Neben ihnen steht jedoch seit Jahrhunderten eine ganze Apotheke von Wiesen und Feldern — Kräuter, die slawische Kräuterkundige und Szeptuch wie kein anderer kannten. Heilung wurde immer als Geschenk von Gott angesehen, nicht als Dienst: für Hilfe wurde mit Süßigkeiten, landwirtschaftlichen Erzeugnissen oder kleinen Gaben gedankt.
Kräuterbuch der Szeptuch — 12 heilige Pflanzen
Hier sind die Kräuter, die in der slawischen Volkstradition die größte Macht hatten. Die Fotos stammen aus den Ressourcen von Wikimedia Commons, unter anderem aus dem berühmten botanischen Atlas von Köhler aus dem Jahr 1897.
Beifuß (Artemisia absinthium) (Artemisia absinthium)

Wie verwendet: Das „magischste“ Kraut der Slawen. Bitter wie der Schmerz, verbrannt zur Räucherung von Häusern bei der Fluchentfernung und zum Vertreiben böser Mächte. Über der Tür aufgehängt, schützte es das Haus und Anwesen.
Kuriosität: In der Johanni-Nacht wurden Kränze aus Beifuß getragen, um ein ganzes Jahr lang vor Zauberei zu schützen.
Eisenkraut (Hypericum perforatum) (Hypericum perforatum)

Wie verwendet: „Johanniskraut“, gesammelt in der Nacht vor dem Fest des heiligen Johannes. Die Volksüberlieferung warf ihm die Macht zu, Dämonen abzuwenden, daher der alte Name fuga daemonum, also „Flucht der Dämonen“.
Kuriosität: Der rote Farbstoff, der aus den Blüten gepresst wird, wurde „das Blut des heiligen Johannes“ genannt und galt als Zeichen seiner besonderen Macht.
Gemeiner Schafgarbe (Achillea millefolium) (Achillea millefolium)

Wie verwendet: Kraut der Krieger und Kräuterkundigen. Hielt Blutungen auf, und in der Volksmagie diente es zur Liebeswahrsagung und zum Schutz vor „bösem Blick“.
Kuriosität: Der lateinische Name stammt von Achilles, der legendär seine Soldaten beim Troja-Krieg damit verband.
Gemeine Kamille (Matricaria chamomilla) (Matricaria chamomilla)

Wie verwendet: Sanfter Beschützer der Kinder. Kamillentee „wischte“ Ängste und Flüche von Neugeborenen ab, und der Aufguss beruhigte Nerven und Magen.
Kuriosität: Die Slawen betrachteten die Kamille als Sonnenblume, die den Lichtgöttern gewidmet war — daher wurde sie in die Wiege gelegt.
Brennessel (Urtica dioica) (Urtica dioica)

Wie verwendet: Grüner Schutzschild. In die Schwelle geworfen und unter Fenster in den Nächten der Sommersonnenwende, um keine böse Macht ins Haus zu lassen. Stärkte das Blut und die Vitalität.
Kuriosität: Man glaubte, dass eine Brennessel, die mit einer bloßen Hand gepflückt wurde, ohne zu brennen, auf reine Absichten des Sammlers hinwies.
Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) (Sambucus nigra)

Wie verwendet: Heiliger Strauch, der die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten markiert. Er durfte nicht ohne Entschuldigung gefällt werden — „Unter dem Holunder wohnen die Geister der Ahnen“. Die Blüte und die Frucht heilten Erkältungen.
Kuriosität: Vor dem Fällen des Holunders nahm der Hausherr seinen Hut ab und sagte: „Verzeih, Holunder” — andernfalls brachte er Unglück ins Haus.
Winterlinde (Tilia cordata) (Tilia cordata)

Wie verwendet: Baum der Heiligen Jungfrau und der slawischen Liebesgöttin. Unter Linden wurden Urteile gefällt und Gebete gesprochen, und der Aufguss aus den Blüten heilte Fieber und „entgiftete“ die Krankheit.
Kuriosität: Man glaubte, dass der Blitz niemals eine Linde trifft — deshalb suchte man Schutz unter ihr während eines Gewitters und pflanzte sie neben Haus.
Beifuss (Artemisia vulgaris) (Artemisia vulgaris)

Wie verwendet: Kraut der Sommersonnenwende. Bänder aus Beifuss wurden in der Nacht von Kupala an den Hüften getragen und dann im Feuer verbrannt, um damit Krankheiten und Flüche des ganzen Jahres zu verbrennen.
Kuriosität: Beifuss, der im Stall aufgehängt wurde, sollte die Kühe vor Hexen schützen, die die Milch stehlen.
Pfefferminze (Mentha × piperita) (Mentha × piperita)

Wie verwendet: Kraut der Reinheit und Klarheit des Geistes. In Särge und geweihte Sträuße eingelegt, wurde der Raum nach Krankheit und Streit mit ihr geräuchert, um „schlechte Energie“ zu vertreiben.
Kuriosität: In Podlasie wurde Minze in Kränze geflochten, die zur Oktav von Fronleichnam geweiht wurden — so ein Kranz schützte das Haus ein ganzes Jahr.
Spitzwegerich (Plantago lanceolata) (Plantago lanceolata)

Wie verwendet: Erste Hilfe bei Verletzungen. Blätter wurden auf Wunden, Stiche und „Krankheiten“ gelegt. In Zauber wird es als Kraut bezeichnet, das „neun Krankheiten abwendet“.
Kuriosität: In alten Kräuterbüchern wurde der Wegerich als „Mutter der Kräuter“ bezeichnet — der angelsächsische Zauber der Neun Kräuter nennt ihn gleich nach dem Beifuß.
Großblütige Königskerze (Verbascum densiflorum) (Verbascum densiflorum)

Wie verwendet: Goldene Kerze der Kräuterkundigen. Getrocknete Stängel, in Wachs getaucht, dienten als Fackeln in Ritualen, und die Blüte heilte Husten und Heiserkeit.
Kuriosität: Der Name der Pflanze ist mit der slawischen Göttin Dziewanna, der Herrin der Wildnis und der Jagd, verbunden.
Großer Burdock (Arctium lappa) (Arctium lappa)

Wie verwendet: Große Blätter werden bei Fieber auf die Stirn und bei Schmerzen auf die Gelenke gelegt. In der Volksmagie „klebt“ der Burdock Gesundheit so, wie seine Kletten an Kleidern haften.
Kuriosität: Die Klette des Bären hat den Erfinder des Kletthaftverschlusses — George de Mestral — im Jahr 1941 inspiriert.
Szeptucha vs. Kräuterkundige — wo liegt der Unterschied?
Eine Szeptucha spricht Gebete und Zauber — das Wort ist ihr wichtigstes Werkzeug, während Wachs, Lein und Asche helfen, die Krankheit „abzulegen“. Die Kräuterkundige heilt mit dem Körper der Pflanzen: mit Aufgüssen, Wickeln und Bädern. Praktisch haben sich beide Traditionen über Jahrhunderte in einer ländlichen Hütte durchdrungen, und das Wissen wurde von der Großmutter an die Enkelin weitergegeben.
Kuriositäten, die du vielleicht nicht kanntest
- Szeptuchy legen keinen Preis fest — sie glauben, dass ein bewertetes Geschenk seine Kraft verliert.
- Zu einer guten Szeptucha gelangt man „durch das Garn“: Die Adresse wird von Mund zu Mund weitergegeben, niemals durch Werbung.
- Der Zauber wird geflüstert, weil er laut ausgesprochen „entflieht“ — daher der Name Szeptucha.
- Viele Szeptuchy schicken zuerst zum Arzt: Sie behandeln das, „was der Doktor nicht sieht“.
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Bildquellen: Wikimedia Commons (Gemeinfreiheit / CC), darunter Köhlers Heilpflanzen (1897). Ethnographische Quellen: Studien zur Volksmedizin in Podlasie (UMB, UwB), Presseberichte und ethnographische Berichte über Szeptuchy aus Orla und Umgebung von Hajnówka.
